Im Reich der Bücher
Cover des NZZ am Sonntag-Magazins, 14. Dezember 2025. Photo von Joël Hunn
Coverstory im NZZ am Sonntag-Magazin. Photo von Joël Hunn
Herr Tenschert, bald ist Weihnachten. Welches Buch werden Sie ganz sicher verschenken?
HERIBERT TENSCHERT: Die Erstausgabe der auf das Vollkommenste unbeholfenen Briefe von Hölderlins grosser Liebe Diotima, eines von 320 Exemplaren auf Bütten in Pergament. Dann die «Germania» von Tacitus, lateinisch und deutsch von Rudolf Borchardt, Druck der Bremer Presse in 250 Exemplaren. Oder ebenfalls auf Bütten: «Propos sur le bonheur» von Alain, die Erstausgabe von 1925.
Und neuere Sachen?
«I drink, therefore I am» von Roger Scruton von 2009, kaum je ist Philosophie so zur Feier der Sinnlichkeit geworden. Ich ese alle Arten von Büchern. Klassiker haben den Vorteil, dass sie ihren Wert schon dadurch beweisen, dass sie Klassiker geworden sind.
Wer ist Ihnen lieber: Thomas Mann oder Heimito von Doderer?
Heimito, weil mir Mozart und Schubert näher sind als alle Wagners der Welt; und weil keiner die traumhaft-traumatische Unterströmung der gesprochenen österreichischen Sprache so anbetungswürdig in Literatur umgoss wie Doderer.
Dorothee Elmiger oder Kim de l’Horizon?
Lolita. Jeder Buchstabe dieses Namens wiegt Hekatomben neuester Literatur auf.
Sie besitzen fast 300 000 antiquarische Bücher, bis zu tausend Jahre alt, mehr als irgendein anderer privater Buchhändler auf der Welt. Wann wird es zu viel?
Sammler setzen sich keine Grenzen, aber kürzlich mussten wir 10 000 Kunstauktionskataloge weggeben, weil wir für anderes Platz brauchten.
Sie verkaufen auch Bücher. An wen?
An Sammler, andere Antiquare und öffentliche Institutionen, immer die gleichen wenigen Dutzend Leute aus Europa, Amerika oder auch schon einmal an den Louvre Abu Dhabi; vier, fünf sind richtig gute Kunden, die immer wieder kommen. Preislich bewegen wir uns im Spitzensegment. Mein einst grösster Einzelkunde, der niederländische Sammler Joost Ritman, hat über mehrere Jahre Hunderte Manuskripte und frühe Drucke für mehr als 150 Millionen Mark bei mir erworben, bis ihm die Banken den Geldhahn zudrehten. Er hatte sich in einen Omnipotenzrausch gesteigert.
Ihnen passiert das nicht?
Wir stehen auf eigenen Füssen. Als junger Antiquar hatte ich eine Bankbürgschaft über 500 000 Mark von meinem Grossvater, damit ich von einem Sammler aus Köln 3500 alte Bücher erwerben konnte. Seither bin ich im Geschäft.
Und haben sich nie übernommen?
Mein teuerster Kauf werden wohl die fast 5 Millionen Schweizer Franken gewesen sein, die ich 2013 für ein Stundenbuch mit 30 Zeichnungen von Paul de Limbourg, dem Hauptkünstler der «Très Riches Heures du Duc de Berry», bezahlte.
Schon einmal ein Buch online gelesen?
Um Gottes willen, nein.
Selbst viele Intellektuelle besitzen heute kaum noch physische Bücher.
Tant pis pour eux. Aber es gibt auch die Gegenbewegung. Wir sind nicht dafür gemacht, den ganzen Tag auf spiegelglatten Oberflächen herumzuwischen, wir wollen etwas fühlen. Das Material unserer Bücher lebt, das Papier, das Pergament, das Leder, die Intarsien der Einbände.
Wie erklären Sie das heutigen Teenagern ohne Leseerfahrung?
Wenn Bücher zu Hause eine Rolle gespielt haben, hilft ein Besuch bei uns im Antiquariat in der Bibermühle bei Ramsen. Da stehen die Erstausgaben des «Faust», der «Roman de la Rose» in allen Fassungen, schwarz-weiss, farbig, auf Papier und auf Pergament gedruckt: greifbare Zeugnisse ihrer Zeit, makellos oder mit Gebrauchsspuren der Ehrfurcht, keine KI kann diese materiellen Dimensionen des Geistes ersetzen. Ich bin der Gegenentwurf zu Tiktok und Instagram, der analogste Mensch der Welt, sogar ohne Handy.
Stehen Sie damit nicht ziemlich allein da – und auf einem elitären Posten?
Aber hoffentlich! Das Elitäre ist mein Element. In einer Zeit, in der alles auf Gleichschaltung, Gleichstellung und Gleichberechtigung abzielt, gehe ich bewusst den anderen Weg: hin zum möglichst Schönen, dem vermeintlich Unerreichbaren.
Wie haben sich die Preise entwickelt?
Sie sind tatsächlich eher gefallen. Aber nur für das breite Angebot, also etwa für Erstausgaben von Kafka, Thomas Mann, Schiller – Dinge, bei denen es allein um die Anciennität geht. Als ich 1978 nach dem Studium mit meiner eigenen Antiquariatsbuchhandlung in Rotthalmünster in Niederbayern anfing, gab es in Deutschland nicht viel anderes. Ich war einer der Ersten, die dann früh in England und Amerika um die älteren, schönen Sachen mitkämpften, makellos erhaltene illuminierte Handschriften, Stundenbücher, Inkunabeln, wie man Bücher aus den ersten Jahrzehnten des Buchdrucks bis ins Jahr 1500 nennt. In diesem Spitzensegment halten sich die Preise, oder sie steigen bisweilen exponentiell.
Der Buchhändler Heribert Tenschert. Photo von Joël Hunn
Lesen Sie alle Ihre Bücher?
Ich blättere in ihnen, studiere und erschliesse sie in Katalogen. Hingegen ist es kein sinnvolles Kriterium, dass man jedes Buch durchliest. Montaigne sagte: Ich habe meine Freunde immer um mich, sie warten geduldig auf ihren Tablaren, bis ich sie zu mir lade, und dann sind sie mir zu Willen.
So ein Freund ist Montaigne heute selbst.
Wir haben die erste komplette Ausgabe der «Essais» von 1588 und das schönste Exemplar der massgebenden Ausgabe letzter Hand von 1595, die finden Sie in unserem Katalog. Und natürlich alle späteren Ausgaben.
Gibt es sprachliche Grenzen?
Mit Büchern, die ich nicht lesen kann, handle ich nicht. Ich habe Altphilologie, Romanistik und Germanistik studiert, Griechisch, Altfranzösisch, Altprovenzalisch, Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch betrieben, Latein ist meine zweite Muttersprache. Ich bekomme auch Anfragen für Korane oder hebräische Bibeln, aber da bin ich kein Experte. Einmal besass ich eine hebräische Handschrift aus dem 12. Jahrhundert, fast den gesamten Pentateuch, doch ich konnte sie lange nicht verkaufen.
Sonst bleiben Sie eher selten auf Ladenhütern sitzen?
Ich sitze auf Tausenden von Ladenhütern! Aber das macht mir nichts, weil ich weiss: Was sich im Jahr 2005 nicht verkauft, verkauft sich 2015 und sonst 2025. Bedenken Sie, es geht dabei fast immer um das schönstmögliche Exemplar, das weltweit .,vb ausserhalb der Institutionen existiert.
Irgendwann wird Schönheit honoriert?
Genau, und dann können Sie das Buch für das Drei- oder Vierfache von dem verkaufen, was Sie vor zwanzig Jahren dafür haben wollten. Aber die Jahre während und nach der Covid-Pandemie waren katastrophal. Plötzlich kam niemand mehr in der Bibermühle vorbei, wir machten noch 20 bis 30 Prozent des gewohnten Umsatzes.
Wie haben Sie überlebt?
Ein Milliardär aus Down Under kaufte meine komplette Sammlung von fast 200 mittelalterlichen und Renaissance-Handschriften. Das muss Sie auch geschmerzt haben. Solche Trennungen sind wie das Loslassen eines erwachsenen Kindes in eine vielversprechende Ehe. Sie tun weh, sind aber Teil des Kreislaufs. Als das Literaturarchiv Marbach mir das frisch erworbene Manuskript von Kafkas «Process» abschwatzte, fühlte sich das wie eine Niederlage an, doch schlimmer sind verpasste Gelegenheiten wie 1989 eine Bibel des 13. Jahrhunderts aus Bologna, überschwänglich ausgestattet, eigentlich ein Traumstück. Bei 850000 Pfund habe ich kapituliert, weil der Buchbinder einst so ruchlos war, die üppig bemalten Blattränder zu beschneiden.
Eine Beleidigung Ihres Sachverstandes?
Allein der Gedanke daran tut mir bis heute weh. Zwei Jahrzehnte später tauchte das Exemplar wieder auf, diesmal mit einer Preiserwartung von 3,5 Millionen Pfund, und ging an ein gefrässiges Museum in Los Angeles. Eine schwärende Wunde. Nun steht bei Ihnen eine Sammlung von gedruckten Stundenbüchern aus den Jahren 1486 bis 1586 zum Verkauf, das Resultat jahrzehntelanger Arbeit.
Was kostet sie? Und was bekommt man?
Diese Stundenbücher sind Text- und Gebetssammlungen für die private Andacht von Laien, die von den grössten französischen Künstlern der Zeit mit Holz- oder Metallschnitten illustriert wurden. Davon habe ich die grösste Sammlung weltweit, 433 Exemplare – das ist mehr, als in der Bibliothèque Nationale de France und der British Library in London zusammen liegen. Fast 200 sind illuminiert, das heisst, die Illustrationen sind von Hand ausgemalt worden. Für diese Schätze verlange ich einen mittleren achtstelligen Betrag.
433 oder keines?
Die Sammlung ist ein Zentralmassiv der Buchgeschichte, man kann nicht einzelne Gipfel herausbrechen. Ich brauche einen Käufer, der dessen Wert erkennt und nicht Einzelstücke später teuer verscherbelt. Allein das Stundenbuch von König Ludwig XII. ist weit über eine halbe Million Euro wert. Ludwig liess es 1499 zur Geburt seines ersten Kindes, Claude de France, vom Meister von Martainville und dem der Philippa von Geldern illuminieren, also mit Gouachefarben und Gold so deckend ausmalen, dass man von Gemälden aus eigenem Recht sprechen kann.
Le Hay. Recueil de cent estampes… 1714. Photo von Joël Hunn
Wie christlich muss man eingefärbt sein, um daran auch inhaltlich Freude zu haben?
Gar nicht. Gerade die Bordüren sprudeln über von Jagdszenen, epischen Totentänzen oder historischen und mythischen Begebenheiten, Julius Cäsar und so weiter bis hin zu erotischen Darstellungen. Eine Art Erholung vom religiösen Hauptgeschäft. In Italien schrieben die Zensoren «non si legge» in die Stundenbücher, nicht zum Lesen geeignet.
Stimmt es, dass Sie einer Darstellung von König Davids Konkubine Bathseba den Mantel vom Leib gekratzt haben?
Mich hatte der rubinrote Umhang schon im Auktionskatalog als unzugehörig irritiert. Ich kaufte das Buch und sah sofort: grössere! Der Mantel war später eingemalt und der Figur aus Scham wohl im 17./18. Jahrhundert übergezogen worden. Mein Restaurator versicherte mir, dass der Umhang sich gefahrlos abnehmen liess – und brachte eine der explizitesten Darstellungen des 15. Jahrhunderts zum Vorschein.
Was hat ein frisch gedrucktes Stundenbuch vor 500 Jahren gekostet?
Manche dieser Handschriften erreichtenPreise, die einem Patrizierhaus am Marktplatz von Brügge entsprachen, dem Manhattan ihrer Zeit. Und jede Seite war ein eigenes Kunststück. Viele dieser Bücher wurden später denn auch zerschnitten, damit man die einzelnen Blätter verkaufen konnte. Übrigens sind der Drucke in meiner Sammlung Rarissima, das heisst, sie existieren weltweit höchstens fünfmal. 115 sogar sind Unika, die es nur einmal gibt.
Waren Sie je versucht, ein seltenes Buch komplett vom Markt zu kaufen? Um klare Verhältnisse zu schaffen?
So kann nur ein Aussenstehender fragen. Rarissima heissen so, weil sie nur einmal in Dekaden auf den Markt kommen. Wenn wir sie dann nicht schon haben, kaufen wir sie.
Gibt es in Ihrem Geschäft überhaupt so etwas wie kollegiale Grosszügigkeit?
Man schätzt sich gegenseitig und lebt voneinander, aber es gibt schon ein paar Tricks. Bei bedeutenden Auktionen biete ich meist nur per Telefon. Meine Präsenz im Saal lenkt unnötig Aufmerksamkeit auf die Objekte, die mich interessieren. Mein Interesse zieht dann Trittbrettfahrer an, die dreist mitbieten und den Preis hochtreiben. Umgekehrt bin ich dann so frei, Gebote auf Stücke abzugeben, die mich nicht interessieren – und meine Mitstreiter auf den hohen Preisen sitzen zu lassen.
Eine geklaute, aber unumgängliche Frage: Ist für Bücher gemordet worden?
Es gibt ein paar nachprüfbare Fälle. Der als Bibliomane berüchtigte Spanier Don Vicente, ein Padre in einem Kloster bei Tarragona, soll im frühen 19. Jahrhundert aus Sammelfuror mehrere Morde begangen haben, und ein Magister Tinius wurde selben Motiv angeklagt. Beide waren jedoch keine Händler, sie wollten die Bücher nur besitzen. Das sind Einzelfälle, viel schlimmer sind die Kreaturen, die in Bibliotheken Blätter oder ganze Partien aus den Büchern klauen, üble Schurken, denen ich lebenslange Neurodermitis wünsche.
Können Sammler auch demütig sein?
Ja. Sie brauchen Geduld, und manchmal hilft nicht einmal die. Eine Gutenberg-Bibel würde ich sofort kaufen wollen, aber von den insgesamt Exemplaren war seit kein komplettes mehr auf dem Markt. Auch eine Besichtigung meiner Bücher kann in dieser Hinsicht folgenreich sein: Einige der grössten Bibliophilen der Welt sind schon ganz klein und frustriert hier hinausgegangen, manche mit Depressionen.
Wie viel Kalkül steckt dahinter?
Ohne Machiavellismus geht es bei uns nicht. Man vergleicht sich auch mit längst verstorbenen Sammlern. So habe ich die grösste Sammlung an Pergamentdrucken seit 1815, etwa 550, aber damals besass der Count MacCarthy leider, leider eine grössere! Zu meiner Entlastung darf ich anführen, dass MacCarthy schon 1760 zu sammeln anfing. Da war noch alles in Privatbesitz und fast nichts in öffentlicher Hand.
Museen klammern?
Schlimmer noch, sie lassen vieles auf immer in Tresoren und Magazinen verschwinden. Wir haben zwar auch einen Tresorraum. Er ist begehbar, feuer- und wasserfest, fünf auf fünf Meter mit 50 Zentimeter dicken Stahlbetonwänden. Aber die meisten unserer Bücher stehen offen im Haus und in Lagern. Mehr Sorgen als Diebe macht mir der Specht, der uns Löcher in die Fassade hackt. Um meine Bestände noch sichtbarer und dauerhafter zu machen, möchte ich mit anderen Sammlern eine Stiftung gründen, ein privates «Weltmuseum der Bilder in Büchern», in das ich meine Sammlungen illustrierter Bücher eingehen lassen würde.
Die Handschriftenhandbibliothek des Antiquariat Bibermühle. Photo von Joël Hunn
Wollen Sie in Ihren Büchern überleben?
Ich wünsche mir, dass sich die Sammlungen nicht so bald in alle Winde zerstreuen. Aber die Bücher überleben mich sowieso. Eher als sie geht die Menschheit unter.
Irgendwann zerfällt alles zu Staub.
Da kann ich Sie beruhigen, die Bücher, mit denen wir hier handeln, sind so langlebig, dass wir von Tausenden von Jahren sprechen können. Das ist kein Papier, das aus Holzschliff besteht und dann bräunt und zerfällt, sondern etwa Whatman-Bütten, das in 2000 Jahren noch aussieht wie heute. Das Gleiche gilt für Pergament noch in viel stärkerem Mass. Sie können es natürlich ins Wasser werfen oder in ein offenes Feuer, im Übrigen ist es unzerstörbar.
Kein Feuer- oder Wasserschaden bisher?
Einmal nahm ich einen grossen Band der Plantin-Polyglotten-Bibel auf Pergament mit ins Bad. Er lag neben dem Jacuzzi, oben auf den Handtüchern, als er plötzlich zu rutschen begann – ich konnte ihn im letzten Moment festhalten. Wir haben zwar ein Schockfriergerät, man kann damit die Wirkung des Wassers stoppen, aber die Feuchtigkeitsflecken sind dann natürlich trotzdem im Buch.
Direkt neben Ihrem Antiquariat fliesst der Rhein vorbei. Eine Bedrohung?
Würde ich heute meine Sammlung verlieren, ich würde morgen von neuem zu sammeln beginnen. Viele Pergamente sind durch jahrhundertelange Trockenheit gewellt. Der Rhein ist für unsere Bestände ein Vorteil, weil die dauerhaft höhere Luftfeuchtigkeit das Pergament wieder glättet.
Gibt es Bücher, die Sie nie hergäben?
An manches fesselt mich ein tiefsitzender Affekt. Das Schlachtfeld des Manuskripts der berühmten Rede, die mein verstorbener Freund Martin Walser in der Frankfurter Paulskirche gehalten hat. Die unaufgeschnittene Dissertation Goethes von 1771. Oder mein unaufgeschnittenes Exemplar der «Hyperion»-Erstausgabe von Hölderlin.
Unaufgeschnitten? Sie können Ihren «Hyperion» gar nicht aufklappen?
Ich lese ihn in vielen anderen wunderschönen Ausgaben.
Wie gross ist die Versuchung, zur Schere zu greifen?
Das wäre skurril und unnötig, denn die jungfräuliche Erhaltung dokumentiert den ursprünglichen Zustand. Klar, Goethes Dissertation wäre aufgeschnitten immer noch ein unglaublich seltenes Buch, eines von nicht viel mehr als fünf Exemplaren weltweit. Aufschneiden wäre also keine Todsünde. Was meinen Sie, wie viele Hunderte von Büchern ich schon aufgeschnitten habe, vor allem französische Nachschlagewerke? Oder auch einen berückend schönen «Roman de La Rose» auf Pergament.
Nimmt man dafür einen Cutter?
Nein, das Messer darf nicht zu scharf sein. Sonst besteht die Gefahr, dass man in die Blätter schneidet.
Arbeiten Sie mit Handschuhen?
Das gibt es nur in schlechten Filmen und bei unberatenen «Experten». Man verlöre das Fingerspitzengefühl, das Papier könnte knicken, einreissen. Händewaschen reicht.
Benutzen Sie für die entspannte Lektüre manchmal auch Taschenbuchausgaben?
Ganz sicher nicht. Wenn ich «Faust» lesen will, benutze ich die Ausgabe von Albrecht Schöne, die wunderbar kommentiert ist, oder ich lese das Buch im Bremer Pressen-Druck oder, noblesse oblige, im Pergamentdruck der Doves Press.
Machen Sie Notizen in den Büchern?
Nur selten bei ganz neuen Sachen oder Entdeckungen, die man den Leuten nicht vorenthalten soll. Ich befleissige mich einer einigermassen anständigen Handschrift.
Was liegt auf Ihrem Nachttisch?
Oskar Loerke, «Der längste Tag». Thomas Pynchon, «Gravity’s Rainbow» – auch auf Deutsch, mitübersetzt von Elfriede Jelinek, meiner Meinung nach ihre Hauptanwartschaft auf den Nobelpreis. Karl Kraus, «Die Fackel», Nr. 890–905.
Werden Sie noch den Weltrekord für das teuerste je verkaufte Buch brechen?
Das wäre l’art pour l’art, und bisher bin ich mit meinen Geschäften recht weit von den 32 Millionen Mark entfernt geblieben, die die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1983 für das Evangeliar Heinrichs des Löwen berappte. Die sind immer noch der Rekordwert, wenn wir unter «Buch» ein gebundenes verstehen, ob Manuskript oder Druck. Also keine Autografen oder allerlei Unabhängigkeitserklärungen.
War der Preis für das Evangeliar gerechtfertigt?
Er hätte auch doppelt so hoch sein dürfen, ohne übertrieben zu wirken. Wir müssen dazu nicht einmal auf die Summen schauen, die für den Humbug eines Basquiat, Jeff Koons und Konsorten erlöst werden.
Was fehlt Ihnen noch?
Wie angetönt: Die Gutenberg-Bibel auf Pergament, es gab wohl im Jahr 1455 immerhin 30 Exemplare davon! Und die «Térence des ducs»-Handschrift von zirka 1410 aus der Bibliothèque de l’Arsenal. Denn ich lebe und strebe nach der Devise meines römischen Lieblingsdichters Horaz: «Dulce est desiperein loco»: «Süss ist’s, bei rechtem Anlass auch einmal töricht zu sein.» ■